Warum die österreichischen InnenministerInnen seit Jahren immer ärger werden.

Tief in den Kellergewölben des Innenministeriums gibt es einen gut gesicherten Tresorraum. In diesem Tresorraum befindet sich eine große Kiste, einer Schatztruhe nicht unähnlich. Erste-Hilfe-Schrank, ein Glas Wasser, Defibrillator sowie ein Sofa zum Ausruhen stehen bereit. Ebenso eine große Packung Papiertaschentücher und ausreichend Erfrischungstücher. Was in der Kiste ist? Man weiß nichts Genaues, aber es muss etwas ganz, ganz Fürchterliches sein. Das Grauen der Welt. Eigentlich sollte dort auch Hoffnung drinnen sein. Die wurde von Pandora allerdings, als sie die Kiste im Innenministerium abstellte, wieder mitgenommen und seitdem wo anders aufbewahrt. Jedenfalls nicht in Wien.

Woher ich das weiß? Ich weiß es nicht, aber ich nehme es an. 

Ich bin ein Kind der frühen Sechziger Jahre, habe daher einige InnenministerInnen vorüberziehen gesehen. Ich erinnere mich kaum an einen oder eine. Was ihnen aber fast allen gemeinsam ist: Sie betraten eines Morgens das Innenministerium als frisch ernannte MinisterInnen. Davor waren sie meist unbedeutende, weithin unbekannte Personen gewesen, kaum eine sogenannte „Persönlichkeit“ war darunter. Praktisch samt und sonders „B-Movie-Actors und Actresses“. Nicht besonders viel Gutes wäre einem zu ihnen eingefallen, aber auch kaum Schlechtes.

Nach den Antrittsreden, dem Frühstückskipferl und dem unvermeidlichen Händeschütteln werden sie dann von einem Ministerialrat oder Sektionschef oder Nachrichtendienstleiter in den Keller begleitet, wo ihnen das Geheimnis der Republik offenbart wird. Ein Geheimnis, das der Bundeskanzler nicht kennt. Nicht die Nationalratspräsidentin. Schon gar nicht der Bundespräsident. Wenn sie dann aus dem Tresorraum zurückkehren, sind sie blass und erscheinen wie ausgewechselt. Und je nach vorheriger Charakterdisposition erscheinen sie der Öffentlichkeit nunmehr als grausam bis tückisch, als hinterhältig oder bloß misstrauisch. (Von all jenen, an die ich mich überhaupt noch erinnern kann, war das nur bei einem, nämlich Einem, Caspar Einem, anders. Immerhin war der zwei Jahre lang in dieser Funktion, ohne dass er in Folge offensichtliche Wahrnehmungsstörungen entwickelte.)

Wie sonst wäre es erklärbar, dass selbst Metternich respektvoll den Hut vor den Bedrohungsszenarien, Plänen und Ideen der österreichischen InnenministerInnen der Nachkriegszeit den Hut ziehen würde? Wie sonst wäre es erklärbar, dass von der „Festung Europa“ schwadroniert wird? Von den Flüchtlingstragödien, die nun eben nicht mehr bloß in Jordanien, in der Türkei oder sonstwo, sondern auch bei uns vom Fernsehbildschirm in die Wirklichkeit heraustreten und aufhören Tragödien zu sein, also Schauspiele, wo man nach der Vorstellung auf ein paar Canapés  und einen G’spritzten geht, oder auch, meinetwegen, auf eine Burenwurst samt Zubehör? Echte Ereignisse und in Echtzeit mit echten Menschen, die nicht gut riechen und schlecht aussehen, vor Angst und voll enttäuschter Hoffnung, aber immer noch mehr Hoffnung im Gesicht als die jämmerlichen InnenministerInnen, welche auch in der Truhe im Tresorraum keine Hoffnung  finden, weil Pandora sie nicht dagelassen hat.

Wie also ist es erklärbar, dass hiesige RegierungspolitikerInnen angesichts dieser Menschen, eine „Festung“ zu bauen für eine angemessene Reaktion halten? Dem Verständnis des vielzitierten kleinen Mannes zufolge ist eine Festung etwas, dass man gegen militärische Bedrohungen baut, zur Abwehr marodierender Banden vielleicht, um Belagerungen von Heerscharen zu widerstehen, die kommen, um mit Gewalt uns alles zu nehmen, Leben, Besitz, Frauen, Töchter, Söhne, Väter, Brüder, Vieh und Äcker, Land und Recht. Dazu baute man „Festungen“. Und man machte die Tore weit auf, um jene – noch vor dem Angriff – hereinzulassen, denen die Bösen auf den Fersen waren.

Mein seliger Opa, Jahrgang 1917, war ab dem ersten Kriegstag dabei und ist aus russischer Gefangenschaft als „Spätheimkehrer“ lange nach Kriegsende erst nachhause gekommen. Er war einfacher Schlosser, apolitisch aber treuer ÖVP-Wähler, ungebildet. Er verachtete alles, was mit dem Krieg zu tun hatte, insbesondere die sogenannten („Was wollen die? Vorm Krieg hatten wir kein Brot, im Krieg sowieso nicht, nach dem Krieg keines“), er respektierte die Desserteure („ich war zu feig dafür“), er bewunderte die „Widerständler“ („dafür war ich erst recht zu feig“), er war nach dem Krieg B-Gendarm und dann Soldat bis zur Pensionierung („damit das nicht mehr passiert“). Er hat nicht viel erzählt von jenen Tagen, aber eins hat er immer wieder erzählt: „Weißt du, unsere Leute, die Österreicher, waren immer die Schlimmsten, bei allem. Beim Russen D’erschießen, beim Vertreiben und Häuseranzünden. Die meisten ‚Preußen‘ hatten Anstand. Unsere Leut‘ nicht. Die Kommandeure haben das gewusst und daher diese Drecksarbeit am ehesten den Österreichern ang‘schafft. Und die haben’s g‘macht. Immer.“

Ich hab das für Verbitterung gehalten, weil ihm halt, wie vielen damals, die besten Jahre geraubt worden waren.

Es macht mich sehr traurig, dass er Recht zu behalten scheint.